Lebensphilosophie
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Lebensphilosophie
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2006-07-14T00:52:33Z
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'''Lebensphilosophie''' ist eine im 19. Jahrhundert entstandene Richtung der Philosophie, die in Frankreich von [[Henri Bergson]] und in Deutschland von [[Wilhelm Dilthey]] als Gegenentwurf zu den [[Naturwissenschaft]]en und der einseitigen Betonung der bewußten Rationalität entwickelt wurde.
Das Werden des Lebens, die [[Ganzheitlichkeit]] kann demnach nicht allein mit [[Begriffen]] und [[Logik]] erfasst und beschrieben werden. Zu einem ''umgreifenden'' Leben gehören ebenso nicht-rationale, [[Kreativität|kreative]] und dynamische Elemente.
Viele Lebensphilosophen sind Anhänger eines [[Vitalismus]], d.h. Leben entsteht nach dieser Auffassung nicht aus toter [[Materie]], sondern es gibt eine eigenständige [[Vis vitalis|Lebenskraft]] (élan vital, [[Entelechie]]).
Der Lebensphilosophie ist dabei ihr antisystematischer Charakter eigentümlich. Sie ist eine das Phänomen des Lebens erklärende [[Metaphysik|metaphysische]] Lehre. Diese Kritik des [[Rationalismus]] und der [[Aufklärung]] findet sich grundlegend schon bei [[Arthur Schopenhauer|Schopenhauer]] und [[Friedrich Nietzsche|Nietzsche]], die daher teils ebenfalls als Begründer einer Lebensphilosophie angesehen werden, ohne dass sie den Terminus verwendeten.
Die Lebensphilosophie beeinflusste direkt vor allem die Vertreter der [[Existenzphilosophie]], lebt aber auch fort in jeder Art von [[Meditation|meditativer Weltanschauung]]. Diese gab es freilich lange vor der Entstehung der wissenschaftlichen Philosophie.
Ganzheitliche Lebensauffassungen liegen auch der aktuellen [[Umweltbewegung]] zu Grunde.
== Wurzeln ==
Die Wurzeln der Lebensphilosophie liegen in einer Unterscheidung der Schule nach [[Christian Wolff]], welche von der theoretischen Schulphilosophie jene Philosophie unterscheidet, die aus dem Leben selbst kommend auf das praktische Leben zielt. Lebens- und Weltweisheit waren im ausgehenden 18. Jahrhundert in höheren Gesellschaftskreisen Modebegriffe. Die Lebensphilosophie war weniger eine spezifische philosophische Lehre als eine bestimmte kulturelle Stimmung, die weite Teile der Intelligenz beeinflusste.
Charakteristisch für diese Lebensphilosophie steht [[Johann Wolfgang von Goethe|Goethes]] Vers:
''"Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum."
Zuspruch erhielt die Lebensphilosophie in der [[Romantik|romantischen]] Bewegung. Für Romantiker wie [[Novalis]] ist nicht die Vernunft, sondern das dem Leben enger verwandte Fühlen und Glauben vorrangig. Als erklärter Gegner dieser Salonphilosophie trat 1794 [[Immanuel Kant]] mit einer Schrift ''Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis'' in Erscheinung.
Die Lebens- und Weltweisheiten werden häufig in Aphorismen dargestellt.
Zu höherer Beachtung verhalfen der Lebensphilosophie 1827 [[Friedrich Schlegel]]s gegen die Systemphilosophen [[Immanuel Kant|Kant]] und [[Hegel]] gerichteten ''Vorlesungen über die Philosophie des Lebens''.
Besonders um die Wende vom 19. Jahrhundert auf das 20. Jahrhundert war sie in Deutschland und Frankreich eine Modeströmung.
== Lebensphilosophie als Fachbegriff ==
Zu einem philosophischen Fachbegriff wird die Lebensphilosophie erst am Ende des 19. Jahrhunderts durch Wilhelm Dilthey und Henri Bergson ausgebaut.
=== Wilhelm Dilthey ===
Das ''Leben'' ist für [[Wilhelm Dilthey]] (1833 – 1911) eine Grundtatsache. Ein zentraler Begriff seiner Philosophie ist das Erlebnis. Dilthey wendet sich vor allem gegen die [[Determinismus|deterministische]] naturwissenschaftliche Variante von [[John Stuart Mill]], [[Herbert Spencer]] u.a. Erleben ist ein Erleben von Zusammenhängen, die nicht einfach in Einzelelemente zergliedert werden können. Diltheys Interesse galt vor allem geschichtlichen Betrachtungen. Hierzu führte er die heute noch übliche Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften und [[Geisteswissenschaften]] ein. Während das wissenschaftliche Prinzip der ersteren das des ''Erklärens'' ist, muss in den Geisteswissenschaften das Prinzip des ''Verstehens'' zugrunde gelegt werden.
Die Naturwissenschaften versuchen aus einzelnen [[Phänomen]]en eine allgemeine Regel zu finden. In den Geisteswissenschaften befasst man sich hingegen gerade mit dem einzelnen Phänomen wie einem historischen Ereignis oder einer [[Biographie]]. Ein Eckpunkt der Philosophie Diltheys ist der Zusammenhang von ''Erlebnis, Ausdruck und Verstehen''. Das Prinzip und die Theorie des Verstehens, die [[Hermeneutik]], ist dabei nicht nur auf Texte anzuwenden, sondern auch auf [[Kunstwerk]]e, [[Religion|religiöse Vorstellungen]] oder Rechtsprinzipien. Im Verstehen wirkt nicht nur das [[kognitiv]]e Denken, sondern auch das [[Emotional|emotive]] Wollen und Fühlen des Betrachters. Es bedarf einer ganzheitlichen Betrachtungsweise, die z.B. durch eine analytische Psychologie, die Einzelaspekte untersucht, nicht geleistet werden könne. In Folge der Gedanken Diltheys entwickelte sich die [[Gestaltpsychologie]], die vor allem [[deskriptiv]] angelegt ist.
=== Henri Bergson ===
[[Henri Bergson]] (1859 – 1941) sieht einen Unterschied zwischen der erlebten Zeit als Seelenzustand und der analytischen Zergliederung der Naturwissenschaft, der eine am Raum orientierte Vorstellung zu Grunde liege. Der Mensch nimmt direkt Strukturzusammenhänge wahr, die unteilbar seien. Dementsprechend ist für ihn die naturwissenschaftlich [[analytische Psychologie]], die einzelne psychische Elemente zu erfassen sucht, nicht geeignet, ein Gesamtbild eines Seelenzustandes zu erfassen. [[Bewusstsein]] könne man nur [[qualitativ]] erfassen. Physikalisch gemessene Zeit ist dagegen [[Determination|determiniert]] und [[Kausalität|kausal]]. Erlebte Zeit als Dauer sei die Voraussetzung für [[Freiheit]]. [[Wahrnehmung]] erfolgt ursprünglich in Bildern und enthält immer zugleich [[Erinnerung]] und ''Bedürfnis'', also [[Vergangenheit]] und [[Zukunft]]. Auch zur [[Erkenntnis]] des ganzheitlichen Wesens von [[Ding]]en bedarf es demnach der ergänzenden [[Intuition]].
=== Hans Driesch ===
[[Hans Driesch]] (1867 – 1941) stellte aufgrund seiner biologischen Forschungen fest, dass Keime, die gespalten werden, sich wieder zu vollwertigen neuen Keimen ausbilden. Hieraus schloss er, dass in der Natur eine nicht kausal bestimmte Naturkraft gäbe, die er in Anlehnung an [[Aristoteles]] [[Entelechie]] nannte. Aufgrund seiner Auffassungen gilt Driesch als Vertreter des [[Neovitalismus]].
=== Ludwig Klages ===
[[Ludwig Klages]] (1872 – 1956) betonte den Gegensatz von Leib und Seele einerseits sowie des Geistes andererseits. „Der Takt wiederholt, der Rhythmus erneuert.“ Im [[Denken]] des [[Geist]]es lösen wir für einen endlichen Moment den Gegenstand aus seiner [[Phänomen|phänomenalen]] Wirklichkeit, aus einem stetigen raumzeitlichen [[Kontinuum]]. Von der Ausbildung her [[Chemiker]] , stand Klages als [[Philosoph]] und [[Dichter]] den [[Naturwissenschaften]] kritisch gegenüber. [[Erkenntnistheorie]] war für ihn Wissenschaft des [[Bewusstsein]]s. An [[Friedrich Nietzsche|Nietzsche]] schätzte er die Aufdeckung von Selbsttäuschung, Wertfälschungen und kompensatorischen [[Ideal]]en, lehnte aber dessen Erkenntnistheorie grundlegend ab. Durch sein ganzheitliches Leben mit ständigem Einsatz für den [[Naturschutz]] gilt er als einer der Urväter der modernen [[Ökologiebewegung]].
=== Georg Simmel ===
Für [[Georg Simmel]] (1858 – 1918) enthält das [[Erkenntnis|Erkennen]] Kategorien [[a priori]], die jedoch im Zuge der [[Evolution]] und der [[Person]] eine [[Entwicklung]] durchmachen. Im Erkennen wird das Chaos der [[Erlebnis]]se geordnet. Unser [[Individuum|individuelles]] [[Denken]] kann aber nicht die Einheitlichkeit der Totalität voll erfassen. Ideen, wie beispielsweise [[Wahrheit]] , sind von der [[Psyche]] unabhängig. Die [[Vorstellung]] der Wahrheit veranlasst den Menschen zu nützlichem Verhalten entsprechend den Lebensanforderungen. Wahr ist, was sich in der [[Selektion]] im Laufe der [[Evolution]] bewährt habe und zweckmäßig sei. Das [[Sollen]] ist eine ursprüngliche [[Kategorie]], wenn auch in der Praxis die Inhalte wechseln. In ihm kommt der [[Wille]] der Gattung zum Ausdruck. [[Altruismus]] ist Egoismus der Gattung. Simmel war neben seiner philosophischen Tätigkeit auch einer der Begründer der [[Soziologie]].
== Literatur ==
*Berdjajew, Nikolaj: ''Das Ich und die Welt der Objekte'', Darmstadt 1951
*Bergson, Henri: ''Materie und Gedächtnis und andere Schriften'', Frankfurt a.M. 1964
*Boethius: ''Trost der Philosophie'' (2005) ISBN: 3423342412
*Bollnow, Otto Friedrich: ''Die Lebensphilosophie'', Berlin/Göttingen/Heidelberg 1958
*Epiktet: ''Das Buch vom geglückten Leben'' (2005) ISBN: 3423342439
*Fellmann, Ferdinand: ''Lebensphilosophie'', Reinbek b. Hamburg 1993
*Gautama Buddha: ''Die Reden des Buddha'' (2005) ISBN: 3423342420
*Graciáns, Baltasar: ''Graciáns Handorakel und Kunst der Weltklugheit'', 1862
*Klages, Ludwig: ''Mensch und Erde'', 5. Aufl. Jena 1937
*Laotse: ''Tao te king Das Buch vom Sinn und Leben'' (2005) ISBN: 3423342471
*Lessing, Theodor: ''Europa und Asien. Der Untergang der Erde am Geist'', 5. Aufl. Leipzig 1930
*Nietzsche, Friedrich: ''Ecce homo'' (2005) ISBN: 3423342498
*Ortega y Gasset, José: ''Der Aufstand der Massen'', Reinbek 1956
*Seneca: ''Von der Kürze des Lebens'' (2005) ISBN: 342334251X
*Simmel, Georg: ''Lebensanschauung'', München/Leipzig 1918
*Schopenhauer, Arthur: ''Aphorismen zur Lebensweisheit'', Leipzig 1851
*Voltaire: ''Candide oder Der Optimismus'' (2005) ISBN: 3423342528
siehe auch
[[Rudolf Eucken]], [[Oswald Spengler]], [[Georg Misch]], [[Erich Rothacker]], [[Theodor Litt]], [[Jose Ortega y Gasset]], [[Otto Friedrich Bollnow]], [[Eduard Spranger]], [[Ernst Troeltsch]]
[[Kategorie:Philosophische Strömung]]
[[ja:生の哲学]]
[[ru:Философия жизни]]
Diese Version des Artikels stammt vom 23.07.2006.
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